Gedanken zum Sonntag

Verzeihen – Vergessen – Versöhnen

 


Wenn dies mal so leicht wäre….


Ja, auch ein Thema, welches nicht leicht zu fassen ist. Wer von uns allen hat diese drei Worte nicht schon mal in den Mund genommen? Nur haben wir diese auch zum Leben erweckt? So, dass die Umsetzung nachhaltig und lang andauernd Wirkung zeigte? Dass sie uns und unseren Mitmenschen etwas gebracht hat? Darum geht es, und ich möchte Euch einladen, mit mir darüber nachzudenken.
Und vielleicht passiert ja das eine oder andere Wunder und einer von Euch tut es mir gleich:
Verzeiht einem Menschen, versöhnt sich mit ihm und kann vergessen.
Denn das ist die Voraussetzung um die Zukunft zu schauen.

 


 Ich als Kind, als Jugendlicher und auch als erwachsener Mensch, der ich ja jetzt nun einmal bin, tat und tue mich schwer mit den drei V´s.
Verzeihen: Soll ich Menschen verzeihen, die mich schlecht behandelt haben, die meine Entwicklung als Kind und Jugendlicher im Wege standen, diese sogar verhindert haben?
Soll ich als Erwachsener so tun, als ob nichts gewesen wäre?
Als Kind wurde ich von den Erwachsenen oft nur hin und her geschubst. Es wurde letztlich „von oben“ bestimmt, in welcher Familie ich zu leben und wo ich zu gehorchen hatte. Da ich meine Füße unter deren Tisch stellte, wie man so schön sagt.
Und erste meine Mutter: Was muss sie geritten haben, Kinder in die Welt zu setzen, wenn sie doch eigentlich wusste, dass diese ihr nur im Wege sein würden? „Schön“, wenn man Jahre später durch seinen leiblichen Erzeuger erfährt, man sei nur ein Unfall gewesen. Ergebnis dieser ganzen Misere war, dass ich auf dem OP-Tisch landete, und mir so das Leben gerettet wurde. Aber der Preis war hoch. Musste ich doch bis zum elften Lebensjahr Spritzen in Kauf nehmen. Diese waren nicht so angenehm wie die heutigen. Und dann der seelische Preis. Ein Kind derartig zerrüttet in die Welt zu schicken, wie verantwortungslos muss das sein?

 

Dann als Jugendlicher in der zweiten Familie. Habe ich mich da jemals geborgen gefühlt?
Bis heute fällt es mir daher schwer, die drei Worte „Verzeihen – Vergessen – Versöhnen“ in den Mund zu nehmen und sie zum Leben zu erwecken. Nein ich bin nicht fertig damit, nein ich kann nicht. Nicht nach all dem, was da passiert ist. Ich möchte jetzt nicht weiter darauf eingehen.

 

Die Auseinandersetzungen in dieser Familie glichen eher dem geologischen Phänomen der Vulkanausbrüche. Wenn ihr Euch mal damit beschäftigt habt, dann wisst Ihr was ich meine.
Diese Wechsel von Ruhe, „stillem“ Grummeln und Ausbruch kostet Kraft, unendlich viel Kraft. Auf allen Seiten. Bei einem Kind, welches zum erst Jugendlichen und dann erwachsen wird, führt das jedoch zu Verwerfungen, die ich heute noch spüre, die ich ertragen muss und noch nicht so richtig verarbeitet habe.

 

 

 Dann aber war es ein Glücksfall für mich, ins Kinderheim zu kommen. Ein Jahr zu spät zwar, aber dennoch ein Jahr, welches mein ganzes Leben in eine andere Richtung lenkte, als es hätte sein können. Und anderem durch diese „Verspätung“ hat mir ein Schuljahr mit guten Noten gefehlt, um doch noch die EOS (heute: Gymnasium) besuchen zu können.
Im Kinderheim ging es ja weiter. Auch da wurde uns der Prozess der drei Worte „Verzeihen – Vergessen - Versöhnen“ weder gelehrt, noch richtig nahegebracht. Es ging immer nur um eins dieser Worte. Und bestimmt nicht um das Wort „Versöhnen“! Eher noch „Vergessen“! Vergiss, dass die Heimleiterin während eines Austausches mit einem slowakischen Kinderheim die persönlichen Sachen von einem durchsucht und vieles weggeschmissen hatte... Wisst Ihr, was es bedeutet, wenn man seinen Teddy, den man über all die Jahre, von klein auf, über alle Hürden hinweg, gerettet hat, verliert? Wenn dieser einzige Trost der Jahre plötzlich weg ist? Wahnsinn sage ich nur. Dann meine Postkartensammlung von circa 500 Stück: Einfach weg! Und dann soll ich einfach nur vergessen? Und obendrein auch noch der Heimleiterin verzeihen? Kann das wirklich jemand verlangen?

Vielleicht nur ich selbst. Ich glaube, dass kann ich heute ganz gut, da die Frau ihre „gerechte Strafe“ erhalten hat.


Und als Erwachsener? Auch da immer wieder diese Prozesse „Vergessen – Verzeihen – Versöhnen“.
Bis heute. Ich glaube fast, wir sind auf die Welt gekommen, um immer wieder diese endlose Geschichte durch leben zu müssen. Es unser aller Weltenauftrag ist.
Ob in der Lehre, ob im Zuge des Coming Outs, in dem Zusammenleben mit einem anderen Menschen und auch mit sich selbst. Immer wieder und immer wieder durchleben wir diese drei Worte live und so nah, dass man von drei Geschwister reden kann, die man doch auch mal fern ab von einem sehen und erleben möchte. Und doch gehören sie uns – zu unserem Leben.

 Und als Erwachsener? Auch da immer wieder diese Prozesse „Vergessen – Verzeihen – Versöhnen“.
Bis heute. Ich glaube fast, wir sind auf die Welt gekommen, um immer wieder diese endlose Geschichte durch leben zu müssen. Es unser aller Weltenauftrag ist.
Ob in der Lehre, ob im Zuge des Coming Outs, in dem Zusammenleben mit einem anderen Menschen und auch mit sich selbst. Immer wieder und immer wieder durchleben wir diese drei Worte live und so nah, dass man von drei Geschwister reden kann, die man doch auch mal fern ab von einem sehen und erleben möchte. Und doch gehören sie uns – zu unserem Leben.

Schaut doch mal auf diese Welt von heute. Wo über all es um die Worte „Vergessen – Verzeihen – Versöhnen“ geht. Und werden die Menschen wirklich friedlicher? Finden die Menschen einen Weg der Aussöhnung? Man könnte verzweifeln ob der vielen Rückschläge. In Palistina, in der Ukraine, in den USA, auf dem Kontinent Afrika, in der Frage um den Umgang mit den Flüchtlingen und im Umgang von uns untereinander. Wahrlich eine Herkulesaufgabe da nicht zu verzweifeln.
Und doch gibt es Hoffnung, gibt es Erfolge, gibt es Licht!

 


 Ich z.B. habe es geschafft mich mit meiner Mutter zu versöhnen. Nicht zu vergessen was gewesen, was passiert ist, dazu war es zu tief und zu bewegend. Aber mir zu sagen: „Wie lange willst Du dich noch quälen mit den Gedanken, mit der Überlegung zur Mutter zu fahren und zu schauen was geht?“ Ja, ich habe es getan. Da ich wusste, dass sie ihren Mann in diesem Jahr verloren hatte, beschlich mir der Gedanke um so mehr, dass ich was tun sollte. Und am Reformationstag haben wir, also mein Lebensgefährte und ich, einen Ausflug unternommen in meine Geburtsstadt Burg bei Magdeburg. Bin eingetaucht in viele Erinnerungen beim Ausflug durch die Stadt. So viele Geschichten kamen hervor, unglaublich was sich unser Hirn merkt, was es abspeichert. Und als Höhepunkt sind wir zu ihrem Haus. Was für ein Moment. Die Frau stand in der Tür und fasste es nicht. Ja, ich, ihr leibhaftiger Sohn, den sie seit 1999 nicht mehr gesehen hatte, ist zurück. Nicht um zu sehen wie sie vergrämt und alternd da hin lebt, nein um eine Brücke der Versöhnung zu bauen. Und ich tat es! Unglaublich befreiend und unglaublich schöner Moment. Ja, wir beide haben geweint. Ich glaube uns wurde erst in diesem Augenblick bewusst, was wir verloren haben. An Zeit, an schönen Geschichten miteinander und an Wegstrecke die doch so viel schöner hätte sein können. Schwamm drüber: Nicht vergessen, also nicht direkt, erst nach und nach. Nur wenigstens den Prozess der Versöhnung und damit das Wort „Verzeihen“ lebendig werden zu lassen, ist doch was.

 

Heute werde ich sie wieder anrufen. Ihr das Gefühl geben, es war nicht nur eine Eintagsfliege.
Nein, ich tat es, es tat gut und nun kann wieder ein Stück positiver in die Zukunft schauen.


 Und wie ist es bei Euch? Steckt Ihr auch in solch einem Prozess? Könnt Ihr jemanden verzeihen? Könnt Ihr Euch mit jemanden versöhnen? Könnt Ihr vergessen?
Ist doch jetzt die richtige Zeit dafür. Weihnachten steht doch dafür: Für Aussöhnung mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen. Für Versöhnung unter uns und mit uns selbst.
Eh Leute, die Zeit, das Leben ist zu kurz um ewig sich mit den „drei Geschwistern“ rum zu streiten. Macht es – Tut es! Es tut so gut, es ist so befreiend, so belebend. Gerade, insbesondere für ein selbst. Beginnt damit jetzt und nicht erst in einem Monat, in einem halben Jahr oder sogar noch später. Jetzt – los, legt los!

In diesem Sinne: Mögen wir uns dieser drei Worte „Verzeihen – Vergessen – Versöhnen“ immer gewahr sein. Mögen wir alle, gemeinsam, zusammen die Kraft aufbringen in diesem Sinne zu leben. Es kostet Kraft, Einsicht, Mut und Taten. Nur Leute: Es tut so unendlich gut und bringt Freude ins Herz. Und darum geht es: Freude, Friede, Zusammenhalt, Gemeinsamkeit.

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Jacqueline (Freitag, 09 Dezember 2016 22:39)

    Mein lieber Bruder!
    Ich habe dich immer in schöner Erinnerung. Für mich warst und bist du mein großer Bruder. Ich bin froh dich wiedergefunden zu haben. In meinem Herzen

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